„Wir sind doch keine Tiere!“ – diese Aussage höre ich gelegentlich, wenn es um unbewusste Triebe im Geschäftsleben geht. Doch unter Anzug, Krawatte oder Businesskleid wirkt eine mächtige Kraft weiter: unser evolutionäres Erbe. Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt dies als „System 1“ – ein schnelles, intuitives und instinktgesteuertes Denken, das unsere Entscheidungen weit mehr prägt, als unser rationales „System 2“ zugeben möchte. [EXTERNER LINK: Artikel über Daniel Kahnemans System 1 & 2]
Ich nenne dieses System 1 den „Affen im Anzug“. Er ist der Grund für Statusspiele in Meetings, für Revierkämpfe zwischen Abteilungen und für die irrationale Angst vor Veränderungen. (Selbst-) Führung bedeutet weniger, diesen Affen zu unterdrücken. Kluge Selbststeuerung bedeutet vielmehr, die eigenen Instinkte zu verstehen, zu kanalisieren und das vorhandene Energiepotenzial für den gemeinsamen Erfolg zu nutzen.
Die 5 Kerninstinkte des „Affen“ und deren Wirkung im Geschäftsleben
Michael Fridrich – Businesstraining, Coaching & Beratung Klar. Direkt. Wirksam.
Jeder dieser Instinkte war für die evolutionäre Weiterentwicklung überlebenswichtig. Heute führen sie oft zu ineffizienten Mustern, gerade im beruflichen Kontext. Der erste Schritt ist, sie zunächst wahrzunehmen.
1. Dominanz & Hierarchie: Dahinter verbirgt sich das Bedürfnis, für eine klare Rangordnung zu sorgen. Wer oben steht, sichert sich Ressourcen. Im Job zeigt sich dies durch Meeting-Monologe, Titelgehabe oder die „Laut gewinnt“-Mentalität. Das Risiko ist blindes Gruppendenken, da kreative und sinnvolle Ideen von rangniederen Mitarbeitenden ungehört bleiben.
Lösungsansatz: Führen Sie klare Moderationsregeln und Redezeit-Limits ein. Entscheiden Sie im Meeting auf Basis vorab definierter Kriterien und weniger auf Basis der Rangstufe.
2. Soziale Zugehörigkeit: Der Wunsch, Teil des Stammes zu sein, ist tief in uns verankert. Widerspruch bedeutet das Risiko des Ausschlusses. Im Business führt dies regelmäßig zu Harmoniestreben um jeden Preis, zu einem Mangel an konstruktiver Kritik und letztlich zum Innovationsstau.
Lösungsansatz: Etablieren Sie die Rolle des „Challengers“ oder „Devil’s Advocate“ in Meetings. Nutzen Sie anonyme Abstimmungs-Tools, damit Sie ehrliches, ungeschminktes Feedback erhalten.
3. Revierdenken: „Mein Kunde, mein Projekt, mein Budget.“ Reviere bieten Sicherheit und Kontrolle. Doch in vernetzten Organisationen führt dieser Instinkt schnell zu Silodenken, Doppelarbeit und schleppenden Übergaben an Schnittstellen.
Lösungsansatz: Formulieren Sie abteilungsübergreifende Ziele (z.B. gemeinsame OKRs) und messen Sie den Erfolg von End-to-End-Prozessen statt einzelner Abteilungsschritte. [INTERNER LINK: Artikel über OKRs]
4. Neugier & Spieltrieb: Dieser Instinkt motiviert uns, Neues zu entdecken und ist der Motor jeder Innovation. Unkontrolliert führt er jedoch zu Aktionismus, endlosen Pilotprojekten ohne klares Ziel und zur Verschwendung von Ressourcen.
Lösungsansatz: Setzen Sie der Neugier einen strukturierten Rahmen. Arbeiten Sie mit klaren Hypothesen, definieren Sie Testzeiträume und messbare Abbruchkriterien für jeden Feldversuch.
5. Angst & Fluchtinstinkt (Verlustaversion): Die Angst vor dem Verlust ist ein stärkerer Antreiber als die Aussicht auf Gewinn. Bei Veränderungen (z.B. neue Software, neue Prozesse) dominiert daher häufig der Fluchtinstinkt. Das Resultat sind Blockaden, Verzögerungen und „Zombie-Projekte“.
Lösungsansatz: Kommunizieren Sie neben den geplanten Änderungen auch die Strukturen und Abläufe, die stabil und konstant bleiben. Sorgen Sie für Sicherheit durch kleine, kontrollierte Experimente („Safe-to-Try“) und feiern Sie neben den Erfolgen vor allem Lernfortschritte.
[PLATZHALTER: Infografik - Die 5 Instinkte und ihre modernen Hebel im Überblick]
Vom Affen zum Strategen: 3 Hebel, wie Sie Instinkte effektiv nutzen

Erfolgreiche Führung berücksichtigt diese Instinkte als Energiequellen. Statt sie zu bekämpfen, etablieren Sie klare Strukturen, die diese Energie in einen konkreten Mehrwert verwandeln.
Hebel 1: Strukturen entwickeln, die dem Instinkt die Richtung weisen. Ein sinnvoller Weg, unerwünschtes Verhalten zu ändern, ist, indem Sie die Rahmenbedingungen definieren. Statt an die Vernunft zu appellieren, erklären Sie das gewünschte Verhalten zur einfachsten Option.
Status produktiv nutzen: Würdigen Sie statt / neben den größten Umsatzzuwächsen z.B. die nachhaltigste Kooperation, das hilfreichste Mentoring oder den wertvollsten Beitrag zum Kundennutzen. Machen Sie diesen neuen Status im Unternehmen sichtbar.
Entscheidungen entpersonalisieren: Nutzen Sie ein einfaches Decision Canvas (Problem, Optionen, Kriterien, Entscheidung, Review-Datum). Dies verlagert die Diskussion von persönlichen Meinungen (Dominanz) zu objektiven Kriterien.
Hebel 2: Sprache als Führungswerkzeug bewusst einsetzen: Wenn Sie unbewusste Muster offen thematisieren, verringern Sie damit ihren Einfluss. Machen Sie Verhaltenspsychologie zum Teil Ihrer Team-Kommunikation.
Muster benennen: Sprechen Sie offen über Motivation, Status oder Ängste. Weisen Sie konkret auf konkrete (Fehl-)entwicklungen hin: „Sorgen wir dafür, dass wir alte Verhaltensmuster, z.B. "Abteilungsdenken weiter hinter uns lassen.“ Oder: „Ist das eine rationale Entscheidung oder folgt unser Bauchgefühl gerade einem Bias?“
Feedback etablieren: Nutzen Sie regelmäßige Retrospektiven mit der zentralen Frage: „Wann und wo haben uns unsere unbewussten Muster diese Woche geholfen und in welchen Situationen haben sie uns gebremst?“
Hebel 3: Bewusst gegen den eigenen Instinkt handeln: Selbststeuerung bzw. -wahrnehmung ist die Basis. Identifizieren Sie Ihre eigenen „Affen-Muster“ und praktizieren Sie gezielte Gegenstrategien.
Die Pre-Mortem-Technik: Fragen Sie vor einer wichtigen Entscheidung: „Stellen wir uns vor, dieses Projekt scheitert in sechs Monaten. “Woran hat es dann gelegen?“ Diese Vorgehensweise zwingt Ihr Denkmuster, die rosarote Brille des Optimismus-Bias abzunehmen.
Daten als Gegengewicht: Nutzen Sie einfache Dashboards, die Ihr Bauchgefühl prüfen. Daten sind der beste Freund des rationalen „System 2“ und entlarven regelmäßig instinktive Fehlschlüsse.
Praxisbeispiel: In einem Marketing-Team blockierte ein dominanter Lead regelmäßig neue Ideen. Durch die Einführung eines standardisierten Pitch-Formats (3-Minuten-Slot) und einer transparenten Scorecard (Impact, Aufwand, Risiko) wurden alle Ideen fair bewertet. Die Qualität der Roadmap verbesserte sich innerhalb von zwei Quartalen messbar, was zu einer Steigerung der Kampagnen-ROIs im zweistelligen Bereich führte.
Fazit: Ziehen Sie Ihrem Affen den Anzug an – und lassen Sie ihn für sich arbeiten

Der „Affe im Anzug“ ist real – in Ihnen, in mir, in jedem Team. Ihn zu ignorieren, ist fahrlässig. Ihn zu unterdrücken, ist anstrengend und ineffektiv. Kluge Führung bedeutet daher, die eigenen Instinkte zu verstehen, zu kanalisieren und produktiv zu nutzen. Wenn Sie die Prinzipien der Verhaltenspsychologie anwenden, reduzieren Sie Konflikte, verbessern die Entscheidungsqualität und gewinnen Raum für echte Innovation. Denn am Ende ist der Affe weniger Ihr Feind, sondern eine bedeutende Energiequelle, die nur auf die richtige Führung wartet.
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